Aus Anlass des Mauerfalls vor 25 Jahren

Seesegeln zu Zeiten der DDR
Die Bilder sind aus „Horst Theer Chronik der Leipziger Seesegler 2003“
Der Artikel ist veröffentlicht in „Zeitzeugen der Uni Leipzig“

Ein Bericht von unserem Gastmitglied Conrad Keilitz, YC Leipzig

Wie kommt ein Leipziger zum Segeln überhaupt – und zum Seesegeln im Besonderen? Ganz einfach – durch Zufall. Meinen Urlaub an der Ostsee auf Rügen verbringend, lernte ich in den 50er Jahren bei einer Wanderung nach Seedorf einen jungen Mann kennen, der mich zu einer Segeltour am nächsten Tag rund um die Insel Vilm einlud. Pünktlich dort angekommen machten wir das Boot klar, es war ein sehr schönes Holzboot von etwa sieben Meter Länge und etwa 1,5 Meter Breite. Da ich völlig unbedarft an Bord gegangen war, hielt ich mich sehr zurück und befolgte lediglich die Anweisungen meines „Kapitäns“. Strahlende Sonne, leichter Wind, das leise plätschern des Wassers – so erreichten wir den Rügenschen Bodden und ich war begeistert. So schön hatte ich es mir nicht vorgestellt!

Sonnenverbrannt, aufgeregt und mit überquellenden begeisterten Worten berichtete ich meiner Familie am Abend von dem Ereignis. Meine Frau und meine noch zwei kleinen Kinder konnte ich anstecken, so dass ich zwei Tage darauf mit dem Trabbi nach Rostock fuhr und mit dem Geld von der Töchterversicherung der Schwiegereltern für meine Frau ein kleines Kunststoffsegelboot und zum Transport einen Dachgarten für den unverwüstlichen Trabbi kaufte. Das alles für etwa 2.500 Mark. Klar, dass das Boot bereits am nächsten Tag auf dem Selliner See seine Jungfernfahrt hatte – meine Familie und ich waren überglücklich. Wir passten gerade so zu viert in die kleine Nussschale.

Mitglied in einem Segelverein

Nun wurde auf dem Dammmühlenteich bei Frauwalde oder auf den Berliner Gewässern gesegelt, bis ich wieder durch Zufall von dem Elsterstausee bei Knauthain im Süden von Leipzig erfuhr. Dort gab es mehrere Segelvereine, einem schloss ich mich an. Auch ein größeres schönes Segelboot – ein sogenannter „Pirat“ – wurde gekauft. Diese Boote wurden in der Yachtwerft Berlin gebaut und hin und wieder, wenn die für den Export nach dem Westen bestimmten Boote mal nicht abgenommen wurden, waren sie für DDR-Bürger für 3200.- Mark erhältlich. Ich hatte das Glück und unser erstes kleines Boot, was verächtlich wegen seiner gedrungenen Form „Badewanne“ genannt wurde, fand einen neuen Besitzer.

In den 60ziger Jahren hatte der Stausee noch die volle Größe und es wurden Regatten gesegelt. Es gab ein reges Sportleben mit Kinder- und Jugendgruppen. Drei Betriebssportvereine und die GST (Gesellschafft für Sport und Technik) waren dort ansässig. Es wurde ausgebildet. Der Segelschein „Binnen“ und „Küstenfahrt“ konnte erworben werden. Ein paar Sportfreunde, vor allem die Siegreichen, fuhren auch zu den DDR-Meisterschaften oder zu anderen Regatten nach Berlin oder dem „Süßen See“ bei Halle, und belegten dort beachtliche Plätze. Die Boote wurden auf zum Teil selbstgebauten Trailern am PKW transportiert.

In den dortigen Vereinen gab es eine kleine Anzahl von Sportfreunden, die schon seit 1954 Seeluft schnupperten. Die sind auf der Ostsee auf Berliner Yachten mitgesegelt, hatten sogar Yachten in eigener Regie überlassen bekommen und stellten auch die Schiffsführer. Heute nennt man das Charter und kostet richtig viel Geld. Die Überlassung von Booten durch die Berliner wurde mit ganz kleinen Beträgen abgegolten. Man rechnete mit etwa 200 Mark pro Besatzungsmitglied für einen Törn von 14 Tagen. Die Bahnfahrt z.B. nach Stralsund und zurück sowie die Verpflegung für diese Zeit war darin enthalten. Die Gemeinschaftskasse verwaltete meistens der „Smut“ (Koch) und nur wenn der Durst oder Hunger der Mannschaft übermäßig war, musste nachgelegt werden.

Bau einer Yacht in Leipzig

Und wie das ebenso ist – man will mehr – es entstand der verrückte Gedanke von einer eigenen Leipziger Yacht. Die Initiatoren wurden erst belächelt, aber es wurden immer mehr Sportfreunde, die dazu kamen und das Projekt nahm Formen an. Viele arbeiteten in VEB-Betrieben in Positionen der Leitung, oder hatten gute Verbindung dorthin. Dadurch wurde der sogenannte Direktorenfond angezapft. Einige hatten Zugang zu anderweitigen Fonds.

Dann wurde ein Verein gegründet, dem etwa 30 Sportfreunde angehörten. Ab 1967 wurde bei den Betrieben, den Sportorganisationen, beim Rat der Stadt und sonst wo um die Finanzierung gefeilscht – hin und wieder mit Erfolg. Und so sammelte sich ein erkleckliches Sümmchen zusammen. Das Fehlende wurde mit zinslosen Darlehen von der mittlerweile auf etwa 60 Sportfreunde angestiegenen „Trainingsgemeinschaft Seesegeln“ aufgebracht. Mit Einlagen von 100 bis 500 Mark beteiligten sich fast alle Mitglieder, so dass am Schluss die für damalige Verhältnisse stolze Summe von 75.000 Mark aufgebracht wurde. Nun konnte in einer kleinen Brandenburgischen Werft der Rohbau eines Segelschiffskörpers bestellt werden.

So stand eines schönen Tages im Mai 1969 der Schiffsrumpf einer Segelyacht in der Messestadt Leipzig und wurde bestaunt. Jetzt begann die eigentliche Arbeit. Wir hatten uns vorgenommen, bis auf die Holzarbeiten an dem Deckshaus und des Innenausbaues, das der Bootsbauer Herold ausführte, alles selbst zu bauen und zu bearbeiten.

Nun wurden Gruppen gebildet, die die einzelnen Arbeiten ausführen sollten. Es war bestens organisiert. Ich war zu den Rostschutz- und Innenanstricharbeiten eingeteilt und später, da es meinem Beruf nahekam, zu der Elektroinstallation. Wie die Ameisen werkelten die einzelnen Gruppen. Fast jeder konnte aus seinem Betrieb Material „umlagern“, deshalb mussten nur sehr spezielle Materialien gekauft werden. Hätten wir einen Sportfreund bei der Post gehabt, hätte die Yacht möglicherweise einen gelben Anstrich bekommen. Zimmerleute bauten auch ein Transportgestell, um das Boot auf einem Tieflader an die Ostsee zu bringen. Viele Details wurden von Mitgliedern in ihren Betrieben gebaut oder man ließ es von Kollegen bauen und galt das mit eigenen anderen Leistungen, an die der helfende Kollege nicht herankam, ab.

Es war erstaunlich, wozu die Gruppe fähig war. Der Mangel an vielen zum Bau benötigen Dingen erforderte große Initiativen. Nach der Devise – der Eine kam an irgendein Material heran – ein Anderer kannte einen, der das bearbeiten konnte und wieder einer konnte mit seiner Leistung die Anderen abgelten. Auch ein Dieselmotor, der eigentlich in eine Baumaschine gehörte, wurde aufgetrieben und eingebaut. Diese Gemeinschaft setzte sich aus fast allen Berufen zusammen, und alle waren wir verbunden durch die ungewöhnliche und schöne Aufgabe. Der Eine gab sein Wissen, der Andere seine Facharbeit. Jeder gab sein Bestes und nach dem Herbst und Winter 1969/70 war es geschafft.

Überführung an die Ostsee und Schiffstaufe

Nun kam die Yacht nach Stralsund, um in ihr eigentliches Element zu gelangen. Hier hatte natürlich der Fahrdienstleiter eines großen Betriebes die Hände im Spiel. Dieser Transport wurde mit einem „betrieblichem Interesse“ verbunden. Der Mast war schon, auch auf diesem Wege, irgendwie vom Berliner Mastenbauer dorthin gelangt, so dass eine Fachfirma ihn auf dem Boot fest installierte. Man nennt das bei Seglern – es wurde aufgeriggt. Unter den Augen des angereisten Konstrukteurs kam der Ballast in den Kiel, die letzten Handgriffe wurden getan und die Schiffstaufe konnte vollzogen werden. Wir tauften am 11. Juli 1970 unsere erste Leipziger Yacht auf den Namen „Wappen von Leipzig“ und ein wunderschönes Leipziger Stadtwappen in kunstvoller Ausführung, die Spende einer beteiligten Sportfreundin, schmückte das Heck.

Probleme bereiteten die Genehmigungen

Schon in der Bauzeit hatten wir eine Satzung ausgearbeitet und beschlossen, in der alle Modalitäten der Nutzung und Erhaltung, sowie die weitere Finanzierung festgelegt waren. Auch wurde die Zeit von den Meisten genutzt, den mindesterforderlichen Segelschein „Küstenfahrt“ zu erwerben. Ein großes Problem war es, die in der „größten DDR der Welt“ übliche nötige Rechtsträgerschaft für sportliche Aktivitäten zu erlangen. Die staatlichen Sportverbände hatten bis dahin noch nicht erlebt, dass aus privater gemeinschaftlicher Initiative ein Sportgerät entstanden war, das jetzt registriert werden musste. Sehr viel Papier musste beschrieben werden, um zu einer für alle zufrieden stellenden Lösung zu kommen. Hier wurde von unserem Leiter so geschickt argumentiert, dass die staatlichen Stellen einer Lösung zustimmten, die einmalig war. Wir waren unabhängig geblieben, was ja auch unser Bestreben war!

Der Mauerbau, der sich natürlich auch auf die Seegrenze auswirkte, lag bereits 9 Jahre zurück. An den Ostseestränden waren „Schwimmkörper“ wie Luftmatratzen nur im mit Bojen abgegrenzten bewachten Bereich erlaubt – man hätte ja damit nach Dänemark paddeln können. So bedurfte es besonderer Genehmigungen, um die Seegewässer der DDR, das waren 3 Seemeilen (etwa 5,5 km), vom Ufer hinaus auf See besegeln zu dürfen. International sind 12 Seemeilen üblich. Die auf den Wachtürmen, der Küste entlang installierten Suchscheinwerfer reichten tatsächlich 6 km. Wir waren auch des Nachts in der „Obhut“ der Staatsmacht.

Die „Nachtsegelgenehmigungen“, die extra beantragt werden mussten, wurden in den 80er Jahren kaum noch erteilt. Es sind doch einige über See „nübergemacht“. Solche Ereignisse führten regelmäßig zur Verschärfung der Genehmigungsprozedur. Wir „Da-gebliebenen“ waren die Angeschmierten. Um an Regatten, die weit über diese Grenze hinausführten, z.B. „Rund Bornholm“ oder Gemeinschaftsfahrten nach Polen oder die SU teilzunehmen, war es nötig, wieder eine andere Genehmigung zu erhalten, was uns den ganzen Winter beschäftigte, die erforderlichen Formulare auszufüllen. Außerdem musste auch der Betrieb, in dem man arbeitete, oder bei Selbständigen, wie bei mir, die Handwerkskammer, eine Beurteilung über den Antragsteller abgeben. Das hieß: „Beurteilung der übergeordneten Dienststelle“.

Wir haben zwar mit den Zähnen geknirscht, aber die Sehnsucht nach Wind, Wellen, frischer Luft und die maritime Gemeinschaft hat uns das leicht ertragen lassen. Man kannte es eben nicht anders. Es wurde ähnlich wie bei NSW-Reisen (Nicht Sozialistisches Wirtschaftsgebiet) gehandhabt. Hatte einer einen Verwandten ersten Grades dort, das waren Eltern oder Geschwister, so hatte er ganz schlechte Karten, die Ablehnung war fast sicher. Mir sind Wenige bekannt, die trotzdem die Möglichkeit erhielten. Auch die Genehmigung für Ehepaare zum gleichen Törn an Bord zu beantragen, hatte nicht viel Sinn. Wegen der erhöhten Fluchtgefahr war die Ablehnung vorprogrammiert. So segelten eben die Ehepaare getrennt zu unterschiedlichen Zeiten. Das klappte.

Zu den Erfordernissen an Bord

Die Yacht wurde wie ein Segelschulschiff betrieben. Bereits im Winter wurden die sogenannten Törns eingeteilt. 5 bis 6 Sportfreunde benutzten die Yacht 14-tägig von Mai bis Oktober. Jedem Törn stand ein Schiffsführer (Kapitän) vor, der zugleich Ausbilder der Mannschaft war und dafür einen speziellen Ausweis benötigte. Wer sich seemännisch vorbildlich verhalten hatte, konnte im nächsten Jahr mit einer Beförderung in der Hierarchie an Bord rechnen. Manche wurden nie befördert – andere dagegen dienten sich schnell zum Steuermann oder gar Schiffsführer empor. Die sogenannte „Freistellung“ von der Arbeit konnte in den Betrieben beantragt werden und wurde fast immer genehmigt, wenn, was gesetzlich geregelt war, eine „sinnvolle sportliche Betätigung“ vorlag. Nun waren alle Seetörns als wichtige Ereignisse dargestellt, wie Internationale Regatten oder Ausbildungs- und Trainingsveranstaltungen, so dass für etliche noch ein kleiner Zusatzurlaub herauskam. Da wir Leipziger durch unsere alten Herren, die ja schon auf fremden Yachten in den 50er Jahren gesegelt waren, eine hervorragende Ausbildung hatten, und uns auch in Bezug auf Navigation und Wetterkunde ständig weiterbildeten, war das Misstrauen der nordischen einheimischen Segler bald beseitigt. Nach wenigen Jahren wurden auch wir anerkannt.

Einen Vorteil bildete in der damaligen Mangelzeit die Unterstützung durch die Fischereigenossenschaften, die uns in ihren Geschäften die subventionierten Waren wie Tauwerk und Ölzeug und auch teilweise technische Artikel einkaufen ließen. Wir sahen dann zwar wie Fischer aus, aber die Preise für Tauwerk in der Berliner SPOWA (staatl. Sportwaren) waren wesentlich höher. Von den beliebten Latzhosen kaufte man gleich mehr als man brauchte, um Andere wiederum zu versorgen. Wann wieder Ware da war, konnte sehr ungewiss sein.

Die damals einzige uns zugängliche Fachzeitschrift für den Segelsport nannten wir spöttisch „Segelbummi“, da hier wenig Interessantes zu lesen war. Hatte sich aber im Hafen herumgesprochen, dass sich auf irgendeiner Yacht die Westzeitschrift „Die Yacht“ befindet, die den schwierigen Weg über Tante oder Oma eines Sportlers in die DDR gegangen war, so wirkte das elektrisierend. Man lieh sich das schon etwas zerfledderte Exemplar aus, machte sich Notizen und zeichnete technische Einzelheiten für den Nachbau von für uns unzugängliche Ausrüstungen ab. Teilweise kamen die Nachbauten dem Original sehr nahe.

Der Bau eigener Boote

Nun gab es aber in dieser Gemeinschaft Leute, denen nach ein paar Jahren diese zwar schöne, aber zeitlich begrenzte Segelei nicht genügte. Ausgebildet und zum Schiffsführer hinaufgedient, wollten sie noch mehr und der Wunsch auf ein eigenes Boot wuchs. Die Ersten waren vier Sportfreunde, zu denen ich gehörte, die eine kleine gebrauchte seegehende Yacht gemeinschaftlich erstanden. Es dauerte nicht lange und es begann der Eigenbau von Booten fast jeder Größe.

Mittlerweile wurden in der DDR die Grundstoffe für glasfaserverstärktes Polyester, was sich zum Bootsbau eignet, im Handel angeboten. Gleich nutzten einige Sportfreunde diese Möglichkeit. Wieder andere kauften gebrauchte Yachten und verbesserten und modernisierten sie. Auch der Sportverband sorgte für eine Bauform, die man sich ausleihen konnte, um eine seegehende Yacht vom Typ „Hiddensee“ selbst zu bauen. Diese Form gelangte auch nach Leipzig und etwa 8 Yachten dieses Typs wurden gebaut. Alle halfen sich gegenseitig, denn ein solches Unterfangen gelingt nur bei entsprechender Temperatur und einer gewissen zeitlichen Abfolge wegen des Aushärtens. Das klappt nur, wenn eine eingespielte Truppe die Sache angeht.

Seit dem Bau und der Inbetriebnahme der „Wappen von Leipzig“ im Jahre 1970 kamen weitere 24 Leipziger seegehende Yachten durch Selbstbau oder Kauf von Gebrauchten bis 1989 hinzu. Auch unter den widrigen Umständen, die sich durch Mangelwirtschaft und den zum Ende der DDR hin zunehmenden Schwierigkeiten bei den Genehmigungen darstellte, gab keiner auf. Leipziger Yachten waren in allen Ostseehäfen der DDR, der SU und Polen präsent und viele Fragen wegen des ungewöhnlichen Heimathafens Leipzig mussten beantwortet werden.

Ausgangspunkt für alle unsere Aktivitäten war die Begeisterung, die von dem Bau der ersten Leipziger Yacht ausging, die vorzügliche seemännische Ausbildung sowohl praktischer wie theoretischer Art, die Liebe zum Wasser und der Gemeinschaft.

Mit dem Jahre 1989 begann eine neue Segelzeit. Wir lernten die westlichen, bis dahin tapfer gemiedenen Häfen kennen, und hießen die Segler aus den alten Bundesländern in unseren, damals noch recht primitiv anmutenden Häfen, herzlich willkommen.

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